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Rundbrief Bürgerbeteiligung II/1999

»Stadtmeile« – ein intermediäres Projekt zur nachhaltigen Stadtentwicklung in Leipzig Süd-Ost

1989 rückte Leipzig durch die »friedliche Revolution« wieder in das Blickfeld der weltweiten Öffentlichkeit. Für einen »Moment« war die Stadt, die auch in der DDR-Zeit als Handels- und Kommunikationsforum während der Leipziger Messe nie ganz ihre europäischen Bedeutung eingebüßt hatte, wieder im Gespräch. Seit 1993 präsentiert sich Leipzig seinen Bewohnern und Gästen mit der Imagekampagne »Leipzig kommt« als prosperierende Stadt.

Die dramatische Euphorie der ersten Nachwendezeit, des wirtschaftlichen und kulturellen Engagements aber hat sich im »Alltag der Stadt« weitgehend »beruhigt «. Es zeigt sich, daß beispielsweise mit der neuen Anlage des Messegeländes an der Stadtperipherie ein Zeichen für die Zukunftsorientierung der Stadt gesetzt wurde. Gleichzeitig nahm die »Neue Messe« Orten mit gewachsenem Symbolcharakter in der Stadt ihre Bedeutung im städtischen Leben.

Die Konstanten einer Stadt, d.h. ihre Traditionen, Leitbilder und die in ihrem »Stadtalltag« entwickelten spezifischen Strukturen sind jedoch für die »Stadtidentität« nur wirksam, wenn sie Weiterentwicklungen erfahren. Damit stellt sich die Frage nach der Stiftung neuer Profile, die neue Identifikationspunkte für die Leipziger Bürger und neue Anziehungspunkte für die Gäste der Stadt bieten.

Netzwerk Südost e.V., der Leipziger Fachverein für Gemeinwesenarbeit, Stadtteilmanagement und Regionalentwicklung, setzt sich daher mit seinem Projekt »Stadtmeile« für die Wiederbelebung einer der für Leipzig städtebaulich wichtigsten Achsen ein: der Straße des 18. Oktober. Die »Gesichter Leipzigs« von der Universitäts- bis zur Messestadt manifestieren sich an vielen Orten in der Stadt. Ihre Konzentration entlang der Achse: Bayerischer Bahnhof - Wohngebiet der Straße des 18. Oktober - Deutscher Platz -  Alte Messe - Völkerschlachtdenkmal aber ist einmalig. Der Begriff »Stadtmeile« erfaßt diese Orte und ihre Verbindung durch die Straße des 18.Oktober.

An der »kaum begangenen« Straße, der das Datum des für die Völkerschlacht entscheidenden Tages des 18. Oktobers 1813 den Namen gibt, liegen für die Selbstdefinition Leipzigs als »durch bürgerliches Engagement geprägter Stadt« so signifikante Institutionen, daß eine Belebung/ Aufwertung dieser Achse für die innerstädtische Entwicklung und die touristische Stadterschließung zwingend notwendig ist.

Das Projekt »Stadtmeile« verfolgt aus diesem Grund die Erstellung eines innovativen Gestaltungskonzeptes für die markante Leipziger Süd-Ost-Achse, um der ca. 2,5 km langen Straße eine neue Bedeutung als Wegeverbindung und Raum öffentlicher Kommunikation im Kontext Leipzigs zu geben, d.h. sie mit Leben zu füllen: als «Boulevard der heiteren Vielfalt". Mit dem Projekt wird Netzwerk in den geplanten städtischen Wettbewerb zur Sanierung und Neugestaltung des Völkerschlachtdenkmals einen bürgerschaftlich orientierten Beitrag einbringen, der den Horizont der städtischen Prioritätensetzung weitet und mit der Thematisierung der Gebietsentwicklung der Achse zur Leipziger Innenstadt die Schaffung eines für Bürger und Gäste attraktiven Lebensraum in den Mittelpunkt stellt. Mit der »Stadtmeile« soll in diesem Sinn ein wegweisendes Konzept für die nachhaltige Stadtentwicklung durch ein partizipierendes Gemeinwesen vorgelegt werden.

Die spezifische Qualität des Projektes »Stadtmeile« besteht in der interdisziplinären Erarbeitung eines gemeinsamen Entwurfes durch Beteiligte mit unterschiedlichen Anliegen: Anwohner, Nutzer, Grundstücks- und Gebäudeeigentümer sowie Stadtplaner, Kommunalpolitiker, Künstler, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Architekten und Journalisten. Verschiedene Interessengruppen werden in den stadtplanerischen Prozeß einbezogen. So entsteht aus den unterschiedlichen Perspektiven der Gesellschaft ein lebendiges Konzept für den konkreten Ort.

Durch diese Herangehensweise wird ein qualitativ neuer Ansatz bei der Entwicklung kommunikativer, infrastruktureller, wirtschaftlicher und sozio-kultureller Stadtstukturen möglich. Nutzer und Anlieger werden durch Partizipation an der Entwurfsarbeit in die Lage versetzt, den Prozeß der Gestaltung »ihrer« Straße fortzuführen, deren Entwicklung damit eine neue Dynamik erfährt. Initiiert werden damit wirtschaftliche und kulturelle Kooperationen, die das Potential der Straße verstärken und Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung sichtbar und nutzbar machen.

Unter der Trägerschaft und Leitung von Netzwerk Südost e.V. werden Bürger, Eigentümer, Fachleute, Jugendliche, Studenten, Förderer und internationale Partner das Projekt »Stadtmeile« von September 1999 bis Juni 2000 realisieren.

Durch die Vorstellung und Diskussion des Projektprozesses während öffentlicher Präsentationen werden weitere Leipziger Bürger und Gäste durch Befragungen und Gespräche in den Ideenfindungsprozeß involviert. Angeregt wird dadurch deren Partizipation.

Die Gestaltung der »Stadtmeile« durch bürgerschaftliche Akteure ist somit kein stadtplanerisches Event, sondern trifft in die soziale Mitte der Stadt. Die Auseinandersetzung mit dieser identitätsstiftenden Örtlichkeit Leipzigs birgt in sich die Möglichkeit, neue Qualitäten zu definieren und zu realisieren. Die Ideen »von unten« können den Weg ebnen, der zu einer lebendigen »Stadtmeile« führt, auf der sich in Zukunft etwas bewegt, nämlich: Menschen jeden Alters und jeder Couleur.

Kontakt und Information
Zur Unterstützung des Projektes ist Netzwerk Südost e.V. sehr an Informationen und Anregungen aus ähnlich gelagerten Projekten im bundes- und europaweiten Kontext interessiert.
Annette Ullrich, Netzwerk Südost e.V., Stötteritzer Str.43, 04317 Leipzig, Telefon/Telefax (03 41) 9 90 23 09, E-Mail:
nw-suedost( at )t-online.de

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