Logo Stiftung MITARBET
Stiftung MITARBEIT
Bornheimer Str. 37
53111 Bonn

Tel.: (02 28) 6 04 24-0
Fax: (02 28) 6 04 24-22
E-Mail: info@mitarbeit.de

www.mitarbeit.de
www.buergergesellschaft.de

Rundbrief Bürgerbeteiligung II/1999

ArbeitslosenWalzer – Ein kunstpolitisches Projekt in Wuppertal (2/2)

Diese besondere Beziehung wirkt u.a. einem Phänomen entgegen, das Tilman Evers in einem »marktliberalen Demokratiemodell« sieht: »Der Wirtschaftsbürger ist in der Privatsphäre geschützt, soll aber auch in ihr bleiben. Wenn der Wahlakt seine einzige politische Betätigung darstellt, verkehrt sich die Volkssouveränität zu einem Akt der Übertragung, ja der Unterwerfung. [...] Die einzigen Politikakteure, die in diesem Modell noch Platz als gesellschaftliche Mittler haben, sind die großen wirtschaftlichen Interessenverbände [...]«. Das ist die Realität, und das wissen wir. Und deshalb resignieren viele Menschen, weil ja die wichtigen Fragen ohnehin von Schrempp, Piech, dem »Trio Asoziale« (O. Lafontaines treffende Charakterisierung der Führer der Wirtschaftsverbände) und Co. entschieden werden.

In unseren Inszenierungen nun bewirkt die beschriebene Nähe zwischen Darsteller und Publikum, daß nicht nur den beteiligten Langzeitarbeitslosen, sondern eben auch den Zuschauern Mut gemacht wird, zu handeln – und zwar nicht nur im Theater, sondern auch draußen. Denn unser alltägliches Mit- oder Gegeneinander ist, genau wie ein Theaterabend des ArbeitslosenWalzers, nicht unveränderbar. Diese Hoffnung zu haben oder vermitteln zu können, macht eine engagierte Bürgerbeteiligung überhaupt erst möglich!

Vielleicht können wir dazu beitragen, die Bürger zu mehr Engagement zu animieren, zunächst in den Stadtteilen und Kommunen Lobbies für ihre Bedürfnisse und die des Nachbarn zu schaffen. Darin liegt eine Chance auf mehr Bürgerbeteiligung: daß man sich dort engagiert, wo es uns und unsere Mitmenschen betrifft, wo Ungerechtigkeit direkt erfahren wird. Wenn Andreas Gross im Rundbrief I/99 N.H. Petersen mit den Worten »Das passive Sichärgern sei destruktiv, das aktive Sicheinmischen sei konstruktiv« zitiert, dann kann man dem nur zustimmen. Aber sichtbare, direkte Erfolgserlebnisse wird es zunächst eher auf kleiner, kommunaler Ebene geben.

Im Gegensatz zu Tilman Evers sehe ich aber in »gelegentlichen Volksabstimmungen« keinen wesentlichen Beitrag zu einer Verbesserung der Situation – im Gegenteil. Die Gründe, die gegen Plebiszite sprechen, sind bekannt.

Erwähnt sei daher nur die Manipulierbarkeit der Bürger; mittlerweile werden ja auch Bundestagswahlen von der geschickteren Werbeagentur gewonnen und nicht von den besseren politischen Konzepten. Auch in kommunalen Plebisziten konnte ich in Wuppertal erleben, wie populistische Stammtischpolitik Abstimmungen gewinnt. Daher bin ich davon überzeugt, daß eine Verstärkung der plebiszitären Elemente zu einer noch heftigeren populistischen Werbeschlacht unter den Parteien und einer weiteren Abkehr von politischen Argumenten und Inhalten führen würde; und eben nicht unbedingt, wie Andreas Gross meint, »die Gesellschaft zum Lernen« zwingt.

Im Übrigen denke ich, daß mit der Forderung nach bundesweiten Volksabstimmungen der zweite Schritt vor dem ersten gemacht wird. Zunächst einmal muß versucht werden, die Bürger zu Engagement und politischem Veränderungswillen zu motivieren, sie von der Notwendigkeit menschlicher Solidarität zu überzeugen. Die anhaltende Resignation dem politischen System gegenüber läßt viele Bürger allein auf ihre ganz eigenen Interessen blicken, um zu retten, was zu retten ist. Erst nach einer Sensibilisierung werden sich mehr Menschen für Solidarität, Inhalte, Ideen und seriöse Argumentation wirklich interessieren und erst dann sind weniger Bürger anfällig für platte Botschaften. Mit den Mitteln der Theaterkunst kann dies auf unterhaltsame, aber auch eindringliche Weise gelingen, ohne den Zeigefinger heben zu müssen.

Für mich bedeutet das, mit dem ArbeitslosenWalzer den Einbruch der sozialen Wirklichkeit einer immer größer werdenden, an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppe in die Kunst zu fördern.

Damit dieser politische Ansatz auch künstlerisch besteht und nicht die x-te Laienspielgruppe öffentlich dilettiert, erzeugen wir ein soziales und künstlerisch-ästhetisches Spannungsfeld. So werden zu den Inszenierungen meistens professionelle Schauspieler hinzugezogen. Die beteiligten Arbeitslosen werden über die Schauspieler in der Probenarbeit stark mit dem künstlerischen Umgang mit dramatischen Texten konfrontiert und müssen sich ihnen gegenüber behaupten; sozial wie künstlerisch.

Die professionellen Schauspieler müssen dagegen den Einfluß der sozialen Probleme der arbeitslosen Darsteller auf die künstlerische Arbeit aushalten, damit schließlich »das Gewicht der Welt« (Peter Handke) auch in der Theaterkunst spürbar wird und auch die Zuschauer der Abende berührt und sensibilisiert werden – nicht nur die Probleme zu erkennen, sondern ein Gefühl für Solidarität und gemeinsames Handeln zu erfahren.
Dabei entwickelt sich in unseren Inszenierungen eine dem Leben verbundene Kunst, in der sich heutige Möglichkeiten des Mensch-Seins auftun, die aber auch spannend und unterhaltend ist. So spannend, daß unsere Theaterabende nie völlig kalkulierbar sind – wer weiß, wer heute nicht erscheint, welche sozialen oder medizinischen Katastrophen heute einbrechen.

Unterhaltsam, weil es den Darstellern durch die künstlerische Abstraktion und die Depersonalisierung gelingt, zu einem neuen, distanzierteren, ironisch-humorvollen Umgang mit ihrer Lebenssituation zu finden; fernab jeglicher Larmoyanz.

Hat man solche Möglichkeiten des Mensch-Seins erkannt und engagiert sich mit dem Willen zur Veränderung für diese Ziele, dann sind wir einer wie auch immer gearteten Bürgergesellschaft ein gutes Stück näher gekommen.
Gleichwohl wird es einem nicht leicht gemacht. Im Falle des ArbeitslosenWalzers zeigt sich das besonders bei der Finanzierung der Projekte: da wir an der tradierten Kunstauffassung rütteln, halten sich Kulturinstitutionen mit finanzieller Unterstützung zurück, Politik und Wirtschaft haben (nicht unerwarteterweise) wenig Interesse daran, die Arbeitslosen aus ihrer »Ruhestellung« zu holen und das Thema abseits der althergebrachten Patentrezepte und Rituale über das Theater zur Diskussion zu stellen. So schlingern wir permanent am finanziellen Abgrund entlang – und sagen: dann erst recht!

Kontakt und Information:
Weitere Informationen zum ArbeitslosenWalzer und seinen nächsten Projekten bei: Birgit Genso, Saarbrücker Str. 48, D-42289 Wuppertal, Telefon (02 02) 59 19 74 oder Andy Dino Iussa, Bartholomäusstr. 54, D-42277 Wuppertal, Telefon/Telefax (02 02) 50 39 83

Weitere Artikel in diesem Rundbrief:

Projektberichte

Stiftung MITARBEIT · Bornheimer Str. 37 · D-53111 Bonn · Tel.: (0228) 6 04 24-0 · Fax: (0228) 6 04 24-22

Impressum · Sitemap · Presse · Kontakt · English Information