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Rundbrief Bürgerbeteiligung II/1999

ArbeitslosenWalzer – Ein kunstpolitisches Projekt in Wuppertal (1/2)

Der ArbeitslosenWalzer e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der Kunst- und Theaterprojekte mit Langzeitarbeitslosen und – je nach Produktion – professionellen Schauspielern durchführt.
Ende 1998 gegründet, hat der ArbeitslosenWalzer am 22. Mai 1999 in dem Wuppertaler Kommunikationszentrum »die börse« seine erste Arbeit vorgestellt: »Im Land der Fürsten – Eine Reha-Maßnahme«, eine 2½-stündige Performance, zusammengesetzt aus Elementen des Schauspiels, des Bewegungstheaters, des Happenings, der Musik und der szenischen Lesung. Der Abend lief im Rahmen der »Woche der Bürgergesellschaft« anläßlich des 50. Geburtstages des Grundgesetzes und wurde auch durch die Unterstützung der Stiftung MITARBEIT ermöglicht. So wurde in dieser Aufführung das Grundgesetz auf seine Bedeutung und Relevanz für die Arbeitslosen hin untersucht und dem Publikum die Verfassungswirklichkeit aus dieser Perspektive heraus vermittelt und erfahrbar gemacht – das Publikum selbst wurde als das Arbeitslosenheer bespielt und in eine Reha-Maßnahme »eingewiesen« und mußte dort u.a. seine Arbeitsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft unter Beweis stellen. Ganz wie in der Realität und doch theatralisch übersteigert und ins Absurde getrieben, obwohl dies an manchen Stellen kaum noch möglich schien.

Wieso nun eine Theatergruppe vorstellen in einem Heft, das »Bürgerbeteiligung« heißt? Was hat ein Projekt, das sich vornehmlich der Kunst widmet, mit der »Bürgergesellschaft« zu tun?

Was ist überhaupt ein Bürger und sind die Langzeitarbeitslosen auch Bürger?
Nimmt man den aus der französischen Revolution hervorgegangenen Begriff »citoyen« zur Grundlage, dann handelt es sich bei diesem Bürger um ein »politisch aktives, durch Eigentum unabhängiges und in Ausübung seines Stimmrechtes freies und gleiches Glied der Nation« (H. Reese). Das Stimmrecht hat ein Langzeitarbeitsloser in seinem Heimatland in der Regel inne, aber von politischer Aktivität und von auf Eigentum gegründeter Unabhängigkeit kann man in den wenigsten Fällen sprechen.

Die gescheiterten Versuche, das Millionenheer der Arbeitslosen in Deutschland zu organisierten Protesten nach französischem Vorbild zu formieren, zeugen von der (nicht nur) politischen Lethargie, in der sich viele dieser Menschen befinden.

Die Arbeitslosen sind eine große, aber schweigende Bevölkerungsgruppe, weil sie nicht homogen ist, vor allem aber, weil das wichtigste ihrer wenigen Rechte »das Recht auf das schmählichste aller Gefühle ist: die Scham« (Viviane Forrester). Ohne Lobby und ohne gemeinsame Stimme ziehen sich die Langzeitarbeitslosen meistens in die Vereinzelung und in das Private zurück. Eigentlich ist diese Gruppe keine Minderheit mehr, sondern wird zu einer an den Rand gedrängten Mehrheit; ein paradoxes und brisantes Phänomen, versteckt, aber hochexplosiv – potentiell.

Diese Tatsache des Rückzuges aus der Öffentlichkeit widerspricht dem Ideal einer Bürgergesellschaft, das Tilman Evers in seinem Aufsatz im Rundbrief Bürgerbeteiligung I/99 an ein Versprechen erinnert: »Engagement statt Apathie, Gemeinwohl statt Eigennutz, Solidarität statt Macht.« Weiter definiert Evers: »[...], daß Bürgerinnen und Bürger sich nicht nur für den Eigennutz, sondern auch für das Gemeinwesen engagieren; und daß es eine gesellschaftliche Öffentlichkeit gibt, die nicht staatlich organisiert ist.«

Indem die beteiligten Langzeitarbeitslosen in unserer Arbeit wieder zu einer (Körper-)Haltung und zu einer Stimme finden, werden sie erst einmal wieder befähigt, sich zu engagieren, sich aus ihrer Apathie zu lösen und sich auch wieder für andere Menschen zu interessieren und sich zu solidarisieren. Mit ihrer Mitarbeit an dem Theaterprojekt schaffen sie eine gesellschaftliche Öffentlichkeit, die es so bisher gar nicht gibt. Insofern könnte man fast von einer Bürgerinitiative sprechen (wäre das eigentliche Anliegen des ArbeitslosenWalzers nicht die Entwicklung einer anderen Kunst und wären die Langzeitarbeitslosen wirklich »vollwertige Bürger«). Denn laut Franz Josef E. Becker entstehen Bürgerinitiativen »bei Mangel an Verwaltungstätigkeit, also aus Gründen der Vernachlässigung, oder wenn gegen die Betroffenen entschieden worden ist«. Dies trifft auf die Gruppe der Langzeitarbeitslosen sicherlich zu.

Aus dieser konkret sozialpolitischen Situation heraus ist unsere erste künstlerische Arbeit, die Lebensstrategien herauszufinden, die die Normalität der Arbeitslosen bestimmen. Der Berliner Regisseur Roland Brus hat dies so formuliert: »Was sind die Bedürfnisse der beteiligten Menschen, mit denen man arbeitet? Was wird codiert, was wird heruntergespielt? Worin bestehen die Verkümmerungen? Wo sind die Potentiale?«

Die Antworten auf diese Fragen in Verbindung mit der Arbeit an dramatischen Texten, also durch künstlerische Abstraktion und soziale Reflexion, führen zu Authentizität auf der Bühne, weil sich die Grenzen zwischen Spielen und Sein verwischen. Soziales Lernen verbindet sich mit neuen ästhetischen Erfahrungen, Leben mit Kunst.
So heben wir den im Theater immer noch evidenten Antagonismus Leben – Kunst auf und entwickeln ein »Theater als Ort öffentlicher Wertschöpfung« (R. Brus), wo Arbeitslose, denen sonst kaum noch etwas zugetraut wird, wahr- und angenommen werden und nicht hinter Statistiken der Arbeitsämter und Parteien verschwinden. Auf der Bühne stehen sie im Licht als kreative Menschen, die einen Theaterabend ohne die allerorts anzutreffende ästhetische oder kabarettistische Verbrämung der Wirklichkeit mitgestalten.

Hinzu kommt, daß wir etwa durch inszenierte »Aussteiger« (Herausfallen aus der Bühnenrolle) und in offensivem Umgang mit Pannen – die erfahrungsgemäß in der Arbeit mit Theaterlaien auftreten – die Konvention Theater = Vortrag, in der es die Schwelle zwischen Akteuren und Zuschauern gibt, auflösen. Zudem ist das Problem der Arbeitslosigkeit den Zuschauern bekannt, entweder ist der Zuschauer selbst arbeitslos, von Arbeitslosigkeit bedroht, oder er kennt einen Arbeitslosen. So existiert zwischen unseren Darstellern und dem Publikum eine immer gegenwärtige Verbindung zur Erfahrungswelt des Anderen. Den Zuschauern wird also ein ganz konkreter Zugang zu unseren Inszenierungen geöffnet: der Abend betrifft sie.

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