Rundbrief Bürgerbeteiligung II/1999
Demokratie – ein Prozeß, der Zeit braucht (1/2)
Zusammenfassung der Ergebnisse des schwedischen Projektes: »Jugendliche und Innenstadtplanung – Illusion oder Wirklichkeit«
von Kerstin Ögren
Das Ziel des Forschungsprojektes war, zu untersuchen, wie man den Einfluß von Jugendlichen auf die Innenstadterneuerung verbessern kann. Bei der Untersuchung sollten eventuelle Geschlechtsunterschiede besonders berücksichtigt werden. Ein weiteres Untersuchungsziel war die Frage, wie die Kommunikation zwischen Menschen Bürgermitwirkung im Schwedischen demokratischen Planungsmodell erleichtern oder behindern kann.
Als Untersuchungsobjekt wählten wir die Prozesse der Stadtkernerneuerung in den Städten Eskilstuna und Väster†s. In beiden Städten hatten Politik und Verwaltung sich positiv zu einer Verbesserung des Einflusses von Jugendlichen auf die Erneuerungsarbeit geäußert. Zudem lagen sie in erreichbarem Abstand zu Stockholm
Das Projekt wurde mit einer Vorstudie eingeleitet, in deren Verlauf eine Methode getestet wurde, daß Jugendliche andere Jugendliche zur Stadtkernerneuerung interviewen. Die Vorstudie resultierte darin, daß die Arbeitsmethodik für das Projekt verändert wurde. Wir konzentrierten uns zunächst auf die Beschlußfasser und Beschlußfasserinnen selber und ihre Bereitschaft, den Jugendlichen Einflußmöglichkeiten zu geben. Wir machten jedem einzelnen von ihnen deutlich, daß jeder Mitverantwortung für den Erfolg des Projektes trug und sie darum entsprechende Zeit und entsprechendes Engagement für die Entwicklung der Zusammenarbeit mit Jugendlichen zur Verfügung stellen mußten. Erst danach nahmen wir Kontakt zu den Jugendlichen auf. Anlaß dafür war, daß die Jugendlichen in der Vorstudie die Erfahrung gemacht hatten, daß die Beschlußfasser(innen) sie nicht genügend ernst genommen hatten.
Eine grundlegende These des Projektes war folglich: »Erst wenn die Beschlußfasser(innen) ernsthaft die Jugendlichen in einem Gespräch zwischen Gleichen begegnen wollen, wo jede/r von sich selbst und nicht als Repräsentant für irgend etwas ausgeht, haben die Jugendlichen Möglichkeiten, wirklich Einfluß zu nehmen.« Die Vorgehensweise des Projektes hat Prozeßcharakter, bei dem die Beschlußfasser(innen) die Möglichkeit haben, schrittweise ihre Werte für sich und andere deutlich zu machen. Der Prozeß bestand aus fünf ganztägigen Arbeitstreffen, während derer die Prozeßleitung den Prozeß dadurch anregte, daß sie die Teilnehmenden gemeinsam Ausdrücke wie »Zusammenarbeit in der Arbeitsgruppe«, »Direkte Demokratie« und »Einfluß von Jugendlichen auf Erneuerung des Stadtzentrum« definieren ließ.
Die Arbeitstreffen wurden per Tonband mitgeschnitten und die Kommunikation zwischen den Beschlußfasser(inne)n wurde danach von folgenden Fragestellungen aus analysiert:
- Geht man von sich selber und seinen eigenen Erfahrungen aus?
- Ist man bereit, seine eigene Unsicherheit, Angst und Defizite anzuerkennen?
- Hört man aufeinander und kümmert man sich umeinander?
- Wagt man einander zu widersprechen, deutlich zu sein mit seinen Stellungnahmen?
- Prioritiert man den Prozeß, gibt man ihm ausreichend Zeit?
- Gibt es offensichtliche Geschlechtsunterschiede in der Kommunikation?
Das Ergebnis des Prozesses in Eskilstuna ist, daß die Beschlußfasser(innen) sich nicht ablösen von der Art der Kommunikation in der Repräsentativen Demokratie. Diejenigen, die formelle Macht in der Gruppe haben, drücken keine eigene Unsicherheit aus. Sie wissen, daß sie Einfluß auf die Beschlüsse haben und gehen nicht auf die Konflikte ein, die es in der Gruppe gibt. Keiner spricht konkret und eindeutig über sich selbst. Die eigenen Ziele der Kommunikation, die eigenen Bedürfnisse und Empfindungen spielen nur als unausgesprochenes Beiwerk eine Rolle. Weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch nicht einmal untereinander sich offen austauschen, gelingt es ihnen auch nicht, den Jugendlichen in direkter Demokratie zu begegnen.
Weitere Artikel in diesem Rundbrief:
Theorie und Praxis
- U. Schwarz-Österreicher
Der Stadtteil als Bezugsgröße für einen neuen Umgang mit der Stadt – Stadtteilforen in Tübingen - Dr. Magdalena Kaiser/Dr. Werner Heye/Dr. Matthias Dreyer
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Kinder ernst nehmen, bedeutet sich Zeit nehmen - Kerstin Ögren
Demokratie – ein Prozeß, der Zeit braucht
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Qualifizierung von Agenda-Moderatoren - Michael Weiß/Sabine Hartmann
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ArbeitslosenWalzer – Ein kunstpolitisches Projekt in Wuppertal - »Stadtmeile« – ein intermediäres Projekt zur nachhaltigen Stadtentwicklung in Leipzig Südost
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