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Rundbrief Bürgerbeteiligung I/1999

Bürgergesellschaft – Ideengeschichtliche Irritationen eines Sympathiebegriffs (4/4)

Dialekte der Bürgergesellschaft
Die Stärke des Begriffs besteht darin, Bündnisse zu ermöglichen. Dem nützt sogar seine Schwäche, ein unscharfer Sammelbegriff für unterschiedliche Praktiken und Orientierungen zu sein. Aus allen geistigen Strömungen, mit denen er auf seinem Zug durch die Ideengeschichte in Berührung kam, bringt er heute Bündniswillige zusammen. Wie auf einem locus communis in der Mitte des Gemeinwesens versammeln sich dort politisch Weitgereiste, die aus jeweiligen Vereinseitigungen zurückgekehrt sind: Da sind die liberal bekehrten Altlinken. Die sozial bekehrten Liberalen. Die zur Nützlichkeit von Institutionen bekehrten Spontaneisten und Basisdemokraten. Auch viele Christen stellen sich ein, ganz unbekehrt: Die evangelische, die katholische Soziallehre habe in anderen Worten schon immer von Ko-Individualität und Mitverantwortung gesprochen.
Noch hört man die Herkünfte. Der katholische Christ bringt die Vokabel »Subsidiarität« ein, der evangelische die »öffentliche Verantwortung«. Die Libertären sagen »Selbstorganisation«, die Altlinken »gesellschaftliche Selbststeuerung«. Daneben hört man die vielstimmigen Dialekte der Aktivisten, die aus ihren jeweiligen Arbeitsfeldern von ökologischer Landwirtschaft, freien Schulen, Frauenhäusern und Zivilem Friedensdienst sprechen.

Zu welchem Dialekt gehört das Wort »Bürgergesellschaft«? – Mehrere mögliche Bedeutungen laufen um: In der kleinsten ist es nur ein anderes Wort für Zivilgesellschaft. In der größten meint es das Ganze der Gesellschaft, betrachtet in der normativen Tönung des Wunsches, die Gesellschaft insgesamt möge »bürgerschaftlicher«, also partizipativer, verantwortlicher, solidarischer werden. Dazwischen gibt es eine »mittlere« Bedeutung, die »Zivilgesellschaft« nicht ersetzt, aber bedeutungsvoll erweitert:

In dieser Deutung ist »Bürgergesellschaft« der besondere Klang,den die aus liberalen Gegenden Zugewanderten wie Ralf Dahrendorf einbringen. Sie sprechen »Zivilgesellschaft« so aus, daß neben dem Struktur- und Kollektivbegriff zugleich wieder die einzelnen Bürgerinnen und Bürger sichtbar werden. Die liberalen essentials, der freie Einzelne und die Wahldemokratie, verbleiben so innerhalb, nicht außerhalb des Begriffs. Damit ist klar, daß die liberale Demokratie nur ergänzt, nicht ersetzt werden soll.

Gegenüber »Zivilgesellschaft« ist »Bürgergesellschaft« noch urbaner, noch einladender. Das Wort baut eine Brücke über den Graben, der die Denktraditionen trennt. – Damit wächst freilich auch die Unschärfe. Ist in der vielstimmigen Breite des Bündnisses noch der gemeinsame Wille zur Veränderung zu hören? Darauf wird es in der »Woche der Bürgergesellschaft« ankommen. Mit einem Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre Grundgesetz ist es nicht getan: Damit die Demokratie weitere 50 Jahre besteht, darf die Agora der Aktivbürger nicht zur Schlendermeile werden.

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