Rundbrief Bürgerbeteiligung I/1998
Kommunales Forum Wedding
Für eine neue Ökonomie gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung
von Hans-Georg Rennert
1. Problemstellung
Die Herausbildung von vielfach benachteiligten Quartieren ist in städtischen Ballungsräumen ein weit verbreitetes Phänomen – so auch in Berlin-Wedding. In diesen Quartieren kumulieren Probleme vielfältiger Art:
- die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung wird mehr und mehr von benachteiligten Personengruppen bestimmt;
- folglich ist (oftmals aufgrund von Langzeitarbeitslosigkeit) ein hoher Anteil der Bevölkerung auf staatliche Transferzahlungen angewiesen;
- es bestehen Mängel im Wohnungsbestand und Wohnumfeld sowie Defizite in der sozialen Infrastruktur;
- mangelnde Kaufkraft der Wohnbevölkerung erschwert die Lage des lokalen Gewerbes;
- insgesamt nehmen öffentliche und private Armut zu.
Handlungskonzepte zur Entwicklung von benachteiligten Stadtquartieren, wie z.B. Stadterneuerungsprogramme, scheitern erfahrungsgemäß, solange dabei nicht die drängendsten Probleme ihrer BewohnerInnen – wie Arbeitslosigkeit, Verarmung, gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung – thematisiert werden.
Umgekehrt lassen sich Menschen, die sich über längere Zeit in einer sozial und ökonomisch ausgegrenzten Lage befinden, auch durch eine zielgruppenspezifische Qualifizierung in der Mehrzahl nicht in den existierenden anonymen ersten Arbeitsmarkt integrieren – nicht zuletzt, weil sie in der Konkurrenz um die immer weniger werdenden Arbeitsplätze unaufholbar im Nachteil sind bzw. weil kurzzeitige, schlecht bezahlte oder allgemein ungeliebte Jobs keinen Ausweg aus der Misere versprechen.
Entsprechend droht das Engagement der noch erhaltenen sozialen Projekte und Einrichtungen ins Leere zu stoßen, wenn den Betroffenen keine Wege zur nachhaltigen Verbesserung ihrer Lebensperspektive aufgezeigt werden können. Eine Überwindung der Resignation und die dauerhafte Stabilisierung der Lebensverhältnisse in einem benachteiligten Stadtquartier scheinen nur möglich zu sein, wenn es gelingt, am Ort wieder vielfältige Möglichkeiten zu schaffen, Einkommen zu erzielen, sich sinnvoll und anerkannt zu betätigen und den Ort gleichzeitig wieder als soziales Bezugssystem erfahrbar zu machen. Der Selbsthilfe und Selbstorganisation der BewohnerInnen kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Es sind demnach integrierte Handlungskonzepte erforderlich, die
- das Stadtquartier als wirtschaftlichen und sozialen Lebensraum in den Mittelpunkt rücken,
- auf aktive Mitwirkung der BewohnerInnen und Betroffenen aufbauen,
- eine Kooperation öffentlicher Verwaltungen, privater Unternehmen, gesellschaftlicher Organisationen und freier Träger herstellen und so …
- bislang getrennte soziale und wirtschaftliche Problem- und Handlungsfelder verknüpfen.
2. Allgemeine Zielsetzung
»Arbeit und Nachbarschaft« ist das Leitbild, mit dem das Kommunale Forum Wedding e. V. im Rahmen der Lokalen Partnerschaft Wedding in einem Quartier des Bezirks Wedding von Berlin (im nachfolgenden genannt »Sprengelkiez«), das von der wirtschaftlichen und sozialen Abwärtsspirale im besonderen Maße betroffen ist, ein solches integriertes Handlungskonzept umsetzen will. Ziel ist es, einen Prozeß umfassender sozialer und ökonomischer Stabilisierung in Gang zu setzen.
Dieser Prozeß soll über folgende vier Zugänge/Eckpunkte angestoßen werden:
| 1. | das Selbsthilfepotential der BewohnerInnen aktivieren und stärken, Selbstorganisation, den sozialen Zusammenhalt und die gemeinsame Verantwortung für den Stadtteil fördern; |
| 2. | den lokalen Arbeitsmarkt für Beschäftigungsmöglichkeiten der BewohnerInnen |
| 3. | erschließen, neue und an den lokalen Bedarf angepaßte Beschäftigungsmöglichkeiten, aber auch Möglichkeiten sinnvoller Betätigung im sozialen Zusammenhang bzw. Wohnumfeld schaffen; |
| 4. | eine Kooperationsbasis zwischen den verschiedenen Bewohnergruppen, lokalen Gewerbetreibenden und anderen lokalen Akteuren aus privaten, öffentlichen Akteuren aufbauen; |
| 5. | die BewohnerInnen in die Entwicklungen und Planungen einbeziehen und Möglichkeiten der Mitwirkung und Beteiligung eröffnen. |
»Nachbarschaftsladen«, deren Aufgabe darin besteht,
- einen gemeinsamen räumlichen Bezugspunkt für die BewohnerInnen und Akteure herzustellen,
- bereits bestehende Projekte und Initiativen im Stadtteil zu unterstützten und zu verknüpfen,
- neue bzw. fehlende Projekte und Initiativen anzuregen und entwickeln zu helfen und
- Projekte durch Erfahrungsaustausch, gegenseitige Unterstützung, Ressourcenbündelung und gemeinsame Mittelakquisition zu stabilisieren
Eine Darstellung der Aktivitäten im Sprengelkiez 1994–1997 mit zahlreichen Farbfotos und Abbildungen findet sich in der Broschüre: »Unsere Nachbarschaft – Nicht von Pappe«, zu beziehen über das Kommunale Forum Wedding e.V. • Wiesenstraße 29 • D-13357 Berlin • Telefon (0 30) 46 50 73 55 • Telefax (030) 4 62 94 47 zum Preis von € 7,40 zzgl. Portokosten
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