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Rundbrief Bürgerbeteiligung I/2002

Balanceakt zwischen Wertewelten – einen globalen Warenstrom mit einer Zukunftskonferenz verändern (4/4)

Das offene globale System – ein unbekanntes Wesen
Gewisse Schwierigkeiten brachte die Tatsache mit sich, dass die Zukunftskonferenz eine Veranstaltung im langfristigen Konzept des Projektes war, der mehrere andere Veranstaltungen mit stärker informativ-diskursivem Charakter vorangegangen waren. Wer all diese Veranstaltungen besucht und sich dadurch mit den vielfältigen Aspekten des Stoffstroms Soja vertraut gemacht hatte, konnte eher damit umgehen, dass diese Aspekte in der Zukunftskonferenz nur stichwortartig angesprochen wurden, als jene, die bei der Zukunftskonferenz ihren »Erstkontakt« mit dem gesamten Stoffstrom Soja hatten. Der Gedanke scheint zwar sehr logisch zu sein, dass eine Zukunftskonferenz das Wissen, die Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen vieler Menschen zur Weiterentwicklung ihres Systems nutzbar macht. Doch scheint es den Menschen – zumindest jenen, die Veranstaltungen der Evangelischen Akademie Loccum besuchen – nicht zu genügen, Teil eines synergistischen Ganzen zu sein. Sie wollen das offene System in seiner Gesamtheit erfassen und verstehen.

Besonders galt dies für die Menschen aus Brasilien, die ja zum ersten Mal an der Akademie waren und die Vorgeschichte der Zukunftskonferenz nicht kennen konnten, die oftmals auch zum ersten Mal überhaupt in Deutschland waren. Ihnen schien es darüber hinaus ein sehr großes Anliegen zu sein, über die Situation in Brasilien zu informieren.

Wie könnte diesem Problem zukünftig begegnet werden? Eine kurze Tagung im Stile eines »Open Space« als Auftakt könnte diejenigen zusammenbringen, die Information zu bestimmten Aspekten anbieten, und jene, die sich für eben diese Aspekte interessieren. Da das gesamte System aber durch sehr große Interessengegensätze bzw. -konflikte gekennzeichnet ist, geht es nicht allein um objektive Fakten (z. B. bestellte Sojafläche im Bundesstaat Maranhão, die exportierte Soja-Tonnage), sondern vor allem um deren subjektive Bewertung.

Etlichen Akteur/innen waren nicht nur die Zusammenhänge im System nicht klar genug. Sie hätten auch gerne mehr erfahren, welchen (organisatorischen) Hintergrund die einzelnen Teilnehmer/innen der Zukunftskonferenz hatten. Wir hatten ganz offensichtlich die Möglichkeiten überschätzt, sich im Verlauf der Konferenz kennen zu lernen. Wir hatten uns nicht klar genug gemacht, dass die Kleingruppenphasen im formellen Teil zeitlich stets streng begrenzt sind, und dass der Personenkreis jeweils festgelegt ist. Und die informellen Phasen der Konferenz haben dieses Defizit anscheinend nicht ausgleichen können. Für ein nächstes Mal sehen wir vor, dass jede Teilnehmer/-in einen kurzen Steckbrief schreibt, der zusammen mit einem Foto »veröffentlicht« wird, sei es als Hand-out für alle Teilnehmer/innen oder auf einer Pinwand im Tagungsgebäude.

Ist solch ein ungestilltes »Kennenlernbedürfnis« in anderen Zukunftskonferenzen auch schon beobachtet worden? Oder ist dies die Folge davon, dass die zufällige Auswahl bzw. Anmeldung von Akteuren dieses globalisierten Warenstroms zu einer Teilnehmerschaft geführt hat, die im Vergleich zu Zukunftskonferenzen in sonstigen Produktketten wie z. B. der Autoindustrie mit ihren definierten Zulieferern und Vertragshändlern, unvergleichlich »beziehungsloser« war? Möglicherweise hätten sich einige – bei unserer Zukunftskonferenz unterrepräsentierte bzw. abwesende Akteure stärker verantwortlich gefühlt, an der Zukunftskonferenz teilzunehmen, und möglicherweise wären die Teilnehmer/innen dann stärker zueinander in Beziehung gestanden – wenn nicht die Akademie, sondern einer der mächtigen Akteure des Soja-Business Veranstalter gewesen wäre.

Erster Schritt zu einem Dialog
Mit welchen Gefühlen betrachteten die Teilnehmer/innen die Zukunftskonferenz am Ende? Es wurden manche Mängel beklagt. Es wurde Skepsis geäußert, ob die Methode angesichts der massiven Interessengegensätze geeignet sei. Es wurde aber auch dafür plädiert, sich nicht »lediglich« auf den Stoffstrom Soja zu beschränken, sondern das ganze komplexe System Landwirtschaft zu betrachten.

Einige Teilnehmer/innen waren im Gegensatz dazu völlig begeistert von der Zukunftskonferenz. Ein Teilnehmer meinte unter Bezugnahme auf einen Zukunftsentwurf, in dem ein aggressiver Pilz die genetisch uniformen Sojapflanzungen verwüstet und damit den Weg zur Entwicklung pilzresistenter Sojasorten bereitet hatte, dass es seiner Skepsis genauso wie den Sojapflanzungen ergangen sei. Mehrfach wurde die Bedeutung hervorgehoben, die der begonnene Dialog für die Zukunft Veränderung des Sojastroms hat. Es wurde aber auch festgestellt, dass noch ein weiter Weg zu gehen ist:

»Mich hat auf der einen Seite erstaunt, dass wir bei den Träumen gestern Abend relativ nahe beieinander waren. Auf der anderen Seite ist es natürlich, sobald wir in die Realität gehen, da ergeben sich dann wieder diese Differenzen und damit müssen wir zunächst mal leben und die Diskussion irgendwie weiter führen.«

Auch wenn die Zukunftskonferenz direkt in Bezug auf konkrete Ergebnisse nicht sehr befriedigend war, so hat eine vier Monate nach der Zukunftskonferenz im Rahmen des Projektes der Akademie stattgefundene Tagung zu Zertifizierung von Soja erstaunlich konkrete Ergebnisse hervorgebracht: Die Forderung nach Zertifizierung von Sojabohnen konnte vorangebracht werden. Dazu fand im Januar 2002 ein Treffen mit dem Landwirtschaftsminister von Rio Grande do Sul statt. Kooperationen von niedersächsischen Geflügelzüchtern mit Kooperativen aus dem Süden Brasiliens bahnen sich an. Im März 2002 soll eine Reise mit einer Delegation von Geflügelzüchtern und Sojaimporteuren unternommen werden. In diesem Rahmen sollen auch die Gebiete besucht werden, die von dem Sojaanbau sehr negativ betroffen sind (Infrastrukturmaßnahmen, Landkonflikte). Hierzu wird es eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit geben.

Nach unserer Einschätzung waren diese vielen konkreten Vorschläge auf der Zertifizierungstagung die Folge der Zukunftskonferenz. Dort wurde der Grundstein gelegt, aber es war nicht möglich, sich auf Aktionen festzulegen. Die Akteurskette entlang des »Stoffstromes Soja« lernte sich besser kennen, die Probleme wurden verdeutlicht, aber die Kraft für mehr fehlte. Dieses »mehr« wurde nachgeholt. Dank der Nachfolgeveranstaltung gab es eine spätere Vollendung – was wir in Anbetracht des Balanceaktes zwischen Wertewelten als Erfolg betrachten.

Das Sojaprojekt – von Brasilien bis Niedersachsen
Gegenstand des Projektes ist ein auf drei Jahre ausgelegtes Dialogprogramm – unter Einbeziehung der Akteure und Betroffenen entlang des »Stoffstromes Soja« von Brasilien bis Niedersachsen. In dem Projektverlauf soll eine »Agenda 21 für den Ernährungssektor« erstellt und eine entsprechende dauerhafte Dialogstruktur (Runder Tisch) eingerichtet werden. Im Zentrum steht dabei der methodische Ansatz einer am Stoffstrom Soja orientierten Dialogkonzeption, die alle an diesem Stoffstrom beteiligten Akteure einbezieht und durch eine neutrale, externe Moderation systematisch konsensuale Konflikt- und Problemlösungen zwischen den verschiedenen Interessens- und Anspruchsgruppen erarbeitet. Hierzu werden ergebnis- und umsetzungsorientierte Konsultationsgespräche, fachliche Workshops und internationale Tagungen durchgeführt.

Das Projekt steht im Rahmen der Bemühungen, die Agenda 21 für nachhaltige Entwicklung von 1992 umzusetzen. Die Frage des Futtermitteleinsatzes steht hier exemplarisch für die Struktur des derzeitigen Wirtschaftsmodells und seine Probleme hinsichtlich der Umweltnutzung, der Nord-Süd-Gerechtigkeit und der sozialen und wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit. Besonders umstritten ist der in den letzten Jahren dominierende Einsatz von Soja. In Niedersachsen hat die Landwirtschaft, vor allem die Veredelungswirtschaft, einen bundesweit einmalig hohen Stellenwert.

Information und Kontakt
Dr. Andreas Gnekow-Metz
Berater für partizipative Prozesse
Eos – Büro zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung
Sonnenhalde 3
D-74632 Neuenstein
Telefon (0 79 42) 94 14 82
Telefax (0 79 42) 94 14 84
E-Mail:
Eos.Gnekow-Metz( at )t-online.de
Internet: www.eos-gnekow-metz.de

Kerstin Lanje
Studienleiterin des Soja-Projektes
Ev. Akademie Loccum
Münchehäger Str. 6
D-31547 Rehburg Loccum
Telefon (0 57 66) 81-18 7
Telefon (0 57 66) 81-90 0
E-Mail:
kerstin.lanje( at )evlka.de
Informationen zum Soja-Projekt gibt es im Internet unter www.loccum.de/aktuell

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