Rundbrief Bürgerbeteiligung I/2002
Balanceakt zwischen Wertewelten – einen globalen Warenstrom mit einer Zukunftskonferenz verändern (3/4)
Langwierige Konsensfindung
Es war zu ahnen gewesen, dass die Konsensfindung bei einem so konfliktbeladenen System schwierig sein würde. Sie nahm über vier Stunden in Anspruch und war dann immer noch nicht abgeschlossen. Doch war ein Schnitt notwendig, um die Veranstaltung rechtzeitig beenden zu können – der Rhythmus der Akademie, Zug- bzw. Flugverbindungen zwangen dazu. Dass die Phase der Maßnahmenplanung gerade lang genug war, eine Liste der eMail-Adressen zu erstellen, empfanden die Teilnehmer/innen genauso wie wir als bedauerlich. Doch war dies der Preis für einen wichtigen Verständigungsprozess. Es war deutlich zu spüren, dass Worte mit ganz unterschiedlichen Begriffen und Bedeutungen belegt sind, wobei die zwei unterschiedlichen Sprachen als verschärfendes Moment hinzukamen: »trabalhadores agricolas« sind in Brasilien sowohl (angestellte) Landarbeiter als auch (selbständige) Kleinbauern, im Deutschen mussten also beide Begriffe auftauchen bzw. musste im Portugiesischen entsprechend differenziert werden, wenn z. B. nur Landarbeiter gemeint waren. Nachfragen seitens der Moderatoren waren also immer wieder nötig.
Und die bis dahin unter dem Teppich gebliebenen Konflikte brachen hervor: Die anwesenden Sojabauern aus dem südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul, die für brasilianische Verhältnisse noch relativ kleine Flächen bewirtschaften, hielten überhaupt nichts davon, dass Kleinbauern bevorzugt behandelt werden sollten – sie hatten den Wettbewerbsgedanken vollkommen verinnerlicht.
Schließlich schienen die Akteur/innen aus Brasilien zu erwarten, dass in der Phase der Konsensfindung eine Resolution verabschiedet würde, wie es in Lateinamerika zum Abschluss einer Konferenz üblich sein soll. Entsprechend wurde in fast schon haarspalterischer Weise um Formulierungen gerungen, immer wieder auch von längeren Argumentationen begleitet. Es musste nochmals darauf hingewiesen werden, dass die Einigung auf gemeinsame Ziele und die Entwicklung von passenden Maßnahmen ansteht. Es fiel auf, dass die Vertreter/innen deutscher NGOs (und deutschsprachige Personen allgemein) sich bei der Konsensfindung mit Wortmeldungen sehr zurück hielten – die Brasilianer/innen bzw. Lateinamerikaner/innen dominierten die Szene. Dies mag – neben der erwähnten kulturspezifischen Einstellung zum Rederecht – auch daran gelegen haben, dass es bei den Zielen fast ausschließlich um die brasilianische Landwirtschaft ging.
Fast entmutigend war, dass es etwa eine Stunde Zeit in Anspruch nahm, bis das erste Ziel konsensfähig formuliert war: »Alle Akteure des Soja-Stroms befolgen das Prinzip der Nachhaltigkeit bei ihrem Tun.« Was waren die Hürden gewesen? Die einen meinten nur die im Raum versammelten Akteure, die anderen alle Akteure weltweit. Die einen verstanden die Aussage als Ziel für 2010, für das man global Koalitionspartner suchen könne und müsse – den anderen klang »befolgen« zu sehr nach Gehorsam. Man könne doch niemandem ein Verhalten vorschreiben. Um dieser Lesart entgegen zu kommen, schlugen wir schließlich vor, das Wörtchen »freiwillig« einzufügen – dann war der Konsens möglich. Aber wehe, wir hätten noch darum gebeten, die Bedeutung des Begriffs »Prinzip der Nachhaltigkeit« zu klären.
Aber es war nicht zu umgehen. Ist die ökologische Landwirtschaft die einzige Art und Weise, wie sich das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft konkretisieren kann – oder gibt es noch andere Möglichkeiten, z. B. den Einsatz gentechnisch veränderter Kulturpflanzen? Von der Klärung hing natürlich ab, ob die agrochemische Industrie ökologische Landwirtschaft als (Unter-)Ziel unterstützen konnte oder nicht. Hier machten wir den Vorschlag, der Devise »Viele Wege führen nach Rom!« zu folgen und alle landwirtschaftlichen Produktionsweisen zu akzeptieren, die nachhaltig sind – was schließlich im Konsens beschlossen wurde. Schwammig blieb dies natürlich – wo allerdings die Gentechnik expressis verbis genannt wurde, war keine Einigung möglich. In Situationen wie dieser war es von Vorteil, als Moderator/-in vom Fach (in diesem Fall Agrarwissenschaften bzw. Ökonomie) zu sein und sich schon längere Zeit mit entwicklungspolitischen Fragen und auch dem Soja-Sektor beschäftigt zu haben, so dass klar war, an welchen Punkten sich die Kontroversen entzündeten.
Qualität der Ziele
Die Szenen, die die verschiedenen Max-Mix-Gruppen als Zukunftsvisionen vorstellten, zeugten vom kreativen Potenzial, das versammelt war. Indes, die Ideen der Ziele und insbesondere der Wege, die in diesen Szenen zum Ausdruck kamen, waren nicht überraschend originell – ökologische Landwirtschaft in Brasilien, öko-sozial bewusste Verbraucher/innen in Deutschland, Verbraucherbildung, Aufklärungskampagnen ..... – keine erfrischenden kundenorientierten Methoden bzw. Aktionsformen. Wir stellen uns vor, dass sich die Kreativität auf der Ebene der Wege (und Ziele) vielfach nicht weiter entfaltete, weil die zahlenmäßig dominanten NGOs ja tagein tagaus am Thema Veränderung arbeiten und ihren Kanon an Zielen und Wegen bereits entwickelt haben – und in gewisser Weise verbissen daran festhalten.
Was neu hinzukam, waren Kooperationen über die bisherigen Gräben hinweg. erstaunlicherweise bekam das Ziel »Ein Dialog über den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft bzw. im Sojaanbau findet zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren statt.« von einem brasilianischen Teilnehmer keinen Segen und landete auf der Wand der ungelösten Differenzen. Und doch bildete sich eine Projektgruppe aus deutschen und brasilianischen Akteur/innen, die sich gerade der Förderung dieses Dialoges widmen wollten – und diese Gruppe war die größte von allen. Wir Moderator/innen gestatteten diese Ausnahme, weil das Ziel ja dem Geist der Zukunftskonferenz entsprach, alle Akteure in einen Dialog mit offenem Ausgang zu bringen.
Von den Teilnehmer/innen wurde in der Schlussrunde häufig hervorgehoben, dass der Dialog bei der Zukunftskonferenz wichtig gewesen sei, auch wenn die grundlegenden Werteunterschiede nicht aus dem Weg geräumt worden seien. Dass der Vertreter eines Industrieunternehmens sich den NGOs als Gesprächspartner anbot, ihre Ideen in das Unternehmen einfließen zu lassen, zeugt unserer Ansicht nach davon, dass diese Zukunftskonferenz etwas in Bewegung gebracht hat.
Weitere Artikel in diesem Rundbrief:
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- Hilmar Westholm
(Mehr) politische Partizipation über Internet? - Reinhardt Sellnow
Erste deutsche »Konsensus-Konferenz« zum Thema: »Streitfall Gendiagnostik« - Dr. Andreas Gnekow-Metz/Kerstin Lanje
Balanceakt zwischen Wertewelten – einen globalen Warenstrom mit einer Zukunftskonferenz verändern
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