Rundbrief Bürgerbeteiligung I/2002
Balanceakt zwischen Wertewelten – einen globalen Warenstrom mit einer Zukunftskonferenz verändern (1/4)
von Dr. Andreas Gnekow-Metz und Kerstin Lanje
Unternehmen, Behörden, NGOs, Kommunen, Regionen, ja selbst Branchen lassen sich mit Hilfe von Großgruppeninterventionen partizipativ entwickeln. Lassen sich auch noch größere Systeme mit diesem Werkzeug bearbeiten, z. B. ein globaler Warenstrom wie der des Soja (Bohnen, Schrot) zwischen Lateinamerika und Europa mit all seinen konfliktbeladenen ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekten? Der folgende Beitrag beschreibt eine Zukunftskonferenz, die in 2001 durchgeführt worden ist, um Bewegung in den »Stoffstrom Soja« in Richtung Nachhaltigkeit zu bringen.
Der Anbau von Sojabohnen in Brasilien und die Verwendung des Sojaschrotes in der intensiven (europäischen) Tierhaltung sind zwei Eckpunkte eines globalen Systems, in dem viele sehr unterschiedliche Akteure mit- bzw. gegeneinander arbeiten. Während die einen wirtschaftliche Entwicklung durch ihre Aktivitäten reklamieren, prangern die anderen ökologische Zerstörung und soziale Desintegration an. Handlungsbedarf sehen die einen dahingehend, die neuesten technischen Errungenschaften (z. B. transgene Sojabohnen) einzusetzen, die anderen darin, statt technozentrischer Problemlösungen kausale systemische Veränderungen (z. B. ökologischen Landbau, Landreform) vorzunehmen. Wandel, Veränderung im System bedeutet in den Augen vom Agrobusiness i. w. S. (z. B. Monsanto, Archer Daniels Midland, Cotrijui) etwas gänzlich anderes als in den Augen von NGOs (z. B. Koordination Brasilien, Both Ends, Rios Vivos). Wertewelten prallen in diesem System aufeinander. Es ist in gewisser Weise eine Arena des Klassenkampfes, Imperialisten gegen Idealisten. Vor 25 Jahren hätten die NGOs ein Tribunal veranstaltet und die »imperialistischen Konzerne« auf die Anklagebank gesetzt. Auch heute dürfte Kooperationsbereitschaft gegenüber dem Agrobusiness auf Seiten der NGOs leicht in den Verdacht von Naivität – oder schlimmerem – geraten. Umgekehrt dürfte es im Agrobusiness wohl mit Unbehagen gesehen werden, wenn sich eines der Unternehmen auf Forderungen der NGOs einließe.
Das alles sind nicht gerade Erfolgsvoraussetzungen für eine Zukunftskonferenz, deren Ziel sein sollte, den Sojastrom zwischen Brasilien und Deutschland im Sinne der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Dies war sowohl dem Moderator (Dr. Andreas Gnekow-Metz) klar als auch der Ko-Moderatorin und Leiterin des Soja-Projektes (Kerstin Lanje, s. auch Kasten »Das Sojaprojekt – von Brasilien bis Niedersachsen«) an der Evangelischen Akademie Loccum, die als Veranstalterin auftrat. Und dennoch sind wir das Wagnis eingegangen. Etliche Tagungen zu den verschiedenen Aspekten der Sojaproduktion und Veredelungswirtschaft über Jahre hinweg hatten zwar den Kenntnisstand vor allem der »Akademiestammgäste« erheblich erweitert und neue Perspektiven eröffnet, aber kaum etwas am System verändert. Eine Mediation dürfte auf Grund der vielfältigen Nutzungskonflikte am ehesten angemessen sein. Auch sie könnte eine neue Qualität des Dialogs und die kreative Entwicklung neuer Lösungen ermöglichen. Doch hätte eine Mediation unserer Einschätzung nach erfordert,
- dass sich die in diesen Konflikten jeweils spezifische Interessen verfolgende Organisationen vorab zu Verhandlungsparteien formieren,
- dass von allen Parteien übereinstimmend Konfliktlösungen für notwendig gehalten werden, weil andernfalls juristische (und möglicherweise mit Imageschäden verbundene) Auseinandersetzungen zu erwarten sind.
Tatsächlich waren wir aber auf die interessierten und wohl wollenden Akteure angewiesen – und die Zukunftskonferenz als innovative und zur Förderung der Kreativität angelegte Methode schien uns einen größeren Charme zu entfalten als dröges Verhandeln. Zu guter Letzt sollte die Veranstaltung als Teil des Programms der Akademie prinzipiell offen sein für alle Interessierten.
Alle wesentlichen Akteure des Systems sollten dabei sein – das reicht von Kleinbauernfamilien, die gar kein Soja produzieren, aber durch den expandierenden Sojaanbau um ihr Land oder um pestizidfreies Trinkwasser gebracht werden, über Soja-Genossenschaften, NGOs als Anwälte zerstörter Ökosysteme, deutsche Ölmühlen, die landwirtschaftliche Forschung und Beratung und Landwirte bis hin zur deutschen Verbraucherin, die mit ihrer Entscheidung für Schweineschnitzel zu Dauertiefstpreisen dazu beiträgt, dass die Eiweisversorgung der Tiere bis zum letzten Pfennig optimiert wird. Und das bedeutet, dass Sojaschrot einheimische Eiweisfutterpflanzen aus dem Trog verdrängt.
Die Veranstalterin konnte in Deutschland und auf einer eigens dafür konzipierten Reise nach Brasilien Akteure für die Teilnahme an der Zukunftskonferenz gewinnen, indem sie viele Gespräche führte und das Konzept der Zukunftskonferenz mit einer Bildschirmpräsentation vorstellte. Endgültig nahmen schließlich 51 Personen an der Zukunftskonferenz vom 21. bis zum 23. Mai 2001 in der Evangelischen Akademie Loccum teil, davon zwölf aus Brasilien und drei aus den Niederlanden. Im Plenum und in den Gruppen übersetzten Marten Henschel und sein Team in hervorragender Weise simultan. Bedauerlich war, dass Vertreter/innen der Politik als Gestalter der Rahmenbedingungen nicht teilnahmen – Frau Künast hatte auf EU-Ebene einen Termin. Und der brasilianische Agrarminister hatte erklärt, er komme nur, wenn er Rindfleischexportgeschäfte abschließen könne. Auch die anwesenden Vertreter der deutschen Landwirtschaft, waren nicht gerade repräsentativ: Altbauern und Alternativbauern – praktizierende, konventionelle Viehhalter fehlten. Nicht ganz unproblematisch war auch das Übergewicht der NGOs (19 Personen) im Vergleich zur Wirtschaft. Aber so ist das mit einem offenen System, das in den Augen vieler Akteure halbwegs wunderbar funktioniert. (Vielleicht wäre die Zukunftskonferenz weniger NGO-lastig zusammengesetzt gewesen, wenn nicht die am Soja-Strom »nur« als Verbraucherin beteiligte Akademie, sondern einer der mächtigen Akteure der Sojakette Veranstalter gewesen wäre. Veilleicht hätte dies auch die Verantwortlichkeit der (dann teilnehmenden) Akteure erhöht.)
Weitere Artikel in diesem Rundbrief:
Bürgerbeteiligung konkret
- Hilmar Westholm
(Mehr) politische Partizipation über Internet? - Reinhardt Sellnow
Erste deutsche »Konsensus-Konferenz« zum Thema: »Streitfall Gendiagnostik« - Dr. Andreas Gnekow-Metz/Kerstin Lanje
Balanceakt zwischen Wertewelten – einen globalen Warenstrom mit einer Zukunftskonferenz verändern
![]()
![]()
![]()


Meine
Seite ausdrucken
Seite weiterempfehlen