Rundbrief Bürgerbeteiligung II/2000
»Attraktiv und barrierefrei«– Ansätze humaner Stadtplanung (1/4)
Von Anita Zeimetz und Peter Neumann
»Attraktiv und barrierefrei – Bürgerbeteiligung als Chance für humane Städteplanung«, lautete das Thema einer Fachtagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde, die vom 8.–10.10.1999 in Münster stattfand.
Ziel der Veranstaltung war es, die unterschiedlichen »allgemeinen« Programme zur Zukunftsentwicklung der Welt und die »spezielle« Bemühungen um eine barrierefreie Umweltgestaltung für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen vorzustellen. Die Gemeinsamkeiten und die Vorteile einer Vernetzung beider Ansätze sollten untersucht und Strategien erarbeitet werden, sie miteinander zu verbinden.
Wesentliches Merkmal zukunftsweisender Konzepte ist, möglichst weite Kreise der Bürger schon bei den ersten Planungen einzubeziehen. Ihre Mitarbeit hilft, Fehler zu vermeiden, viele Kosten zu sparen und bewirkt eine stärkere Identifizierung der Menschen mit ihrer Kommune, motiviert zum Engagement für das Gemeinwohl, fördert das soziale Miteinanderleben und ist somit unverzichtbarer Bestandteil demokratischer Gesellschaften.
Eine wichtige Anforderung an die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaften ist es also, gleichberechtigt allen Bürgern die Benutzung und einen leichten Zugang zu den Strukturen und Einrichtungen zu ermöglichen, die für ihre Lebensgestaltung und Entwicklung notwendig sind und ihnen Gelegenheit zu Mitsprache und Mitgestalten geben.
Ein Schlüssel dazu ist Barrierefreiheit. Dazu zählen stufenlose Zugänge zu Gebäuden, Verkehrsmitteln, erreichbare Bedienelemente, ausreichende Bewegungsflächen und deutliche, gut erkennbare Hinweise. Wer unterwegs ist mit Kinderwagen, Fahrrad, Rollstuhl oder auch nur mit schwerem Gepäck, wer wegen einer Erkrankung kurzzeitig, aus Altersgründen oder wegen einer Behinderung in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist oder nur einfach von schwerer Arbeit erschöpft – alle Menschen profitieren davon. Für die einen ist Barrierefreiheit zwingende Voraussetzung, um am Arbeitsprozess und am Leben in der Gesellschaft teilhaben zu können, für die anderen ist es zusätzliche Lebenserleichterung. Eine barrierefreie Umwelt ist eine humanere Umwelt.
In den allgemeinen Zukunftskonzepten spielt das Qualitätskriterium Barrierefreiheit aber kaum eine Rolle. Barrierefreies Bauen wurde bislang mehr unter dem Blickwinkel »altengerechtes Bauen«, »behindertengerechtes Bauen« oder familiengerechtes Bauen« als Sonderbereich mit Sondervorgaben gesehen und – wenn überhaupt – meist verspätet und nur nach massivem politischen Druck der Interessenverbände realisiert.
Es gibt aber nunmehr auch einige »spezielle« Absichtserklärungen und Selbstverpflichtungen auf politischer Ebene, die Lebensbedingungen behinderter Menschen endlich zu verbessern. Dazu gehören die UN- Empfehlungen »Standard Rules« oder die europäische »Barcelona-Erklärung«, die in der Stadt Münster zu einem beispielhaften Handlungsprogramm Integrationsförderung und zu dem »KOMM-Projekt« führten.
In lebendigen und engagierten Diskussionen hinterfragten die rund 45 Teilnehmer aus 18 Selbsthilfeorganisationen von Hamburg und Berlin bis Tübingen alle vorgestellten Konzepte und ergänzten sie um ihre Erfahrungen im jahrzehntelangen Ringen um eine barrierefreie Umwelt. Die DIN-Normen zum Barrierefreien Bauen sowie die gesetzlichen Regelungen in Bauordnungen der Bundesländer, die auch thematisiert wurden, liefern zwar die wichtigen Rahmenbedingungen, zur Realisierung fehlt es jedoch zu oft noch am politischen Willen.
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