Rundbrief Bürgerbeteiligung II/2000
Bürgerengagement – Versuch einer Standortbestimmung (2/3)
Auch in den drei Handlungsfelder für Bürgerengagement (nach KGSt 6/1999)
- Freiwilliges Engagement und Selbsthilfeaktivitäten
- Übernahme gemeinwohlorientierter Aufgaben durch bürgerschaftliche Gruppen
- Weiterentwicklung des Gemeinwesens durch Beteiligung von BürgerInnen
finden sich diese gewandelten Motivationen.
Ehrenamtlich und freiwillig tätige BürgerInnen sind in fast allen Bereichen der Gesellschaft tätig: Im klassischen Ehrenamt vor allem in traditionell gewachsenen Strukturen, wie in Kirchen und Gemeinden, in der freien Wohlfahrtspflege, im Rettungswesen, in Umweltverbänden, Sportvereinen, Jugendverbänden etc.
In dazu parallel gewachsenen Engagementfeldern wie nicht vereinsmäßig organisierten Selbsthilfegruppen, Projekten und Initiativen kommt der genannte Motivationswandel für Bürgerengagement zum Tragen. In den verschiedenen Formen der Selbsthilfegruppen werden BürgerInnen je nach Eigenentscheidung aktiv. In Selbsthilfegruppen für Betroffene werden Menschen mit gleichen Problemen tätig, um sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen (z.B. Selbsthilfegruppe Depressionen). In Selbsthilfegruppen, die nach »außen« orientiert sind, helfen die Mitglieder sich selbst und darüber hinaus anderen. Sie gehen auch an die Öffentlichkeit, um über ihr Problem zu infomieren (z.B. Elternverein krebskranker Kinder). In Selbsthilfe-Initiativen ist die Motivation für das Engagement nicht in einer Selbstbetroffenheit zu finden, sondern im sozialen Engagement für andere, vor allem auf sozial- und gesundheitspolitische Probleme bezogen (z.B. Liga der Kinderfreunde).
In anderen neuen Formen des Bürgerengagements wie Tauschringe oder in generationsübergreifenden Projekten finden sich die neuen Motivationen der BürgerInnen ebenfalls.
Auch bei der Übernahme gemeinwohlorientierter Aufgaben, also die Übernahme kommunaler Aufgaben durch bürgerschaftliche Gruppen, und der Weiterentwicklung des Gemeinwesens durch Bürgerbeteiligung stehen die neuen Motivationen im Vordergrund. Der verstärkte Wunsch nach aktiver Teilhabe an kommunalen Planungen und Entscheidungen, nach Einbeziehung in das Gemeinwesen fordert von der Kommune ebenfalls den Aufbau und die Erprobung neuer Formen von Bürgerengagement wie z.B. die Einrichtung sogenannter Runder Tische, BürgerInnen-Foren und Planungszellen – BürgerInnen-Gutachten sowie die Einbeziehung von verschiedenen Mediationsformen (nach KGSt 6/1999).
2. »Selbsthilfe- und Bürgerzentrum«
Infrastruktur für Bürgerengagement
Da die BürgerInnen heute weniger bereit sind, sich in traditionell vorgegebene Strukturen von Ehrenamt und Selbsthilfe einzuordnen, stellt der dargestellte Motivationswandel die Kommune vor hohe Anforderungen.
Die Erwartungen der BürgerInnen nach aktiver Mitsprache und Mitgestaltung, nach projektbezogener und zeitlicher Selbstbestimmung ebenso wie nach Selbstorganisation ihres Engagements münden in der Erwartung an Unterstützung durch die Kommune. Diese Unterstützung ist in der Bereitstellung einer sozialen Infrastruktur, in der Kommunikation, Beteiligung und Organisation angeboten werden, zu sehen.
Diese infrastrukturelle Unterstützung von Ehrenamt und Selbsthilfe ist in einem »Selbsthilfe- und Bürgerzentrum« zu finden, in der eine Vernetzung und Abstimmung der unterschiedlichen vorhandenen Engagementformen stattfindet.
Vordringliche Aufgaben eines »Selbsthilfe- und Bürgerzentrums« sind die Unterstützung von Ehrenamt und Selbsthilfe und die Motivation und Gewinnung der BürgerInnen für die aktive Mitarbeit am gesellschaftlichen Reformprozess.
Die daraus resultierende Förderung und Reaktivierung des sozialen Zusammenhalts ergeben durch die gestiegene Verbundenheit der BürgerInnen mit ihrer Stadt eine Stärkung der Kommune.
Dementsprechend muß das Angebot eines »Selbsthilfe- und Bürgerzentrums« aktivierende Elemente wie unterstützende, begleitende Elemente beinhalten. Die Handlungsfelder reichen somit von der Bereitstellung von Informationen, der Schaffung eines Kooperations- und Netzwerkes, von Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu fachlicher Beratung und dem Angebot von Qualifizierungsmöglichkeiten.
Indem die nebeneinander bestehenden Engagement unterstützenden Einrichtungen und Stellen gebündelt und vernetzt werden, erweist sich ein »Selbsthilfe- und Bürgerzentrum« als »wirkungsvolle kommunale Strategie zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements« (a.a.O., S. 51).
Weitere Artikel in diesem Rundbrief:
Neue Ansätze und Ideen
- Clóvis R. Zimmermann
Porto Alegre: Innovative Stadtverwaltung durch Bürgerbeteiligung - Adrian Reinert
Lokale Demokratieberichterstattung - Andreas von Zadow
Integrative Stadtplanung mit Perspektivenwerkstatt - Helmut Saiger
CITY-Jahr für Jugendliche
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Projektberichte
- Zukunftskonferenz Nürnberg: Die Kraft des Südens nutzen
- Heidrun Eberle/Sven Siebert
München: Bürgerbeteiligung in einem neu entstehenden Stadtteil - Das erste Arbeitsjahr der Geschäftsstelle des Verbundes FöBE in München
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Gemeinwesenarbeit in Düren - Gründung der Stadtteilgenossenschaft Wedding
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Testival in Friedrichsthal
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Diskussionsbeiträge
- Benno Trütken
Bürgerbegehren versus Bürgergutachten - Barbara Gierull
Bürgerengagement – Versuch einer Standortbestimmung - Günter Dick
Bleibt die wahre Demokratie Utopie? – Erinnerungen an Artur Mahraun - Anita Zeimetz/Peter Neumann
»Attraktiv und barrierefrei«– Ansätze humaner Stadtplanung


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