Rundbrief Bürgerbeteiligung II/2000
Bürgerengagement – Versuch einer Standortbestimmung (3/3)
3. Was kommt nach der Arbeit?
Aspekte einer Förderung des nachberuflichen bürgerschaftlichen Engagements im Alter durch ein »Selbsthilfe- und Bürgerzentrum«
Bei einem Wandel der »Arbeitsgesellschaft« wird die zentrale Funktion der Erwerbsarbeit, die in ökonomischer wie sozialer Hinsicht identitäts- und sinnstiftend für den Einzelnen ist, relativiert. Weist der Wandel in Richtung einer »aktiven Bürgergesellschaft« findet der Einzelne sich in einer »Mehr-Arbeiten-Gesellschaft«, in der Erwerbsarbeit, bürgerschaftliches Engagement, Bildungsarbeit, Eigenarbeit u.a. nebeneinanderstehen und vielfältige Möglichkeiten zur Mitgestaltung der Gesellschaft bieten.
In diese Diskussion unter der Fragestellung »Was kommt nach der Arbeitsgesellschaft?« (»Was kommt nach der Arbeitsgesellschaft?« Aufsatz von Jürgen Klute, veröffentlicht in der reformwerkstatt-ruhr im Januar 2000, www.reformwerkstatt-ruhr.de) ist die momentan als eine der wichtigsten auszuweisenden Frage »Was kommt nach der Arbeit?« eingebunden.
Die Lebensarbeitszeit hat sich in den letzten Jahrzehnten durch ein späteres Berufseinstiegsalter und ein früheres Rentenalter drastisch verkürzt – um ca. 15 Jahre. Unter Einbezug der Verlängerung der Lebenszeit auf im Durchschnitt fast 80 Jahre läßt sich ein »völlig verändertes Verhältnis von Lebens- und Erwerbsarbeitzeit« feststellen: »In den 50er Jahren waren für Männer von etwa 70 zu erwartenden Lebensjahren ca. 50 Jahre mit Erwerbsarbeit gefüllt. Heute stehen ca. 80 Jahren Lebenszeit noch 35–40 Jahre Erwerbsarbeitszeit gegenüber« (a.a.O.).
Die Realitäten vor Ort spiegeln diese generelle Entwicklung wieder. Stellenabbau in der hiesigen Stahl-, Auto- und Chemieindustrie, Schließung der ansässigen Bergwerke u.a.m. bedeuten für die Betroffenen den Ausschluß aus der Erwerbsarbeit – frühzeitig und ungewollt.
Auch bei sog. »sozialverträglichem Ausscheiden« durch Frühverrentung und vorzeitigem Ruhestand steht der Einzelne nun außerhalb seiner Identität, die über Jahre durch qualifizierte und verantwortungsvolle Tätigkeiten im Erwerbsarbeitsleben geprägt war.
Es kommt zu einem Wegfall des durch das Erwerbsarbeitsumfeld gespannten sozialen Netzes: der Kontakt zu den Arbeitskollegen, die Teilhabe an Verantwortung in Betrieb oder Zeche, das Einbinden in strukturierende Zeitabläufe brechen erst einmal ersatzlos weg.
Die verlängerte Lebenszeit und die verkürzte Erwerbsarbeitszeit stellen heute an eine demokratische Gesellschaft die Frage: »Was kommt nach der Arbeit?«
Diese Frage in die einzuleitenden gesellschaftlichen Reformprozesse einzubetten und gemeinsam mit den BürgerInnen Antworten zu erarbeiten, ist eine vordringliche Aufgabe für die Kommunen.
Senioren, die »jungen Alten«, Vorruheständler sind auf der Suche nach einer Identität im Alter und fordern eine weitergehende Integration in das gesellschaftliche Leben.
Ein kommunales »Selbsthilfe- und Bürgerzentrum« als ein Ort, an dem diese Frage gestellt wird, kann als Möglichkeit einer Antwort die Teilhabe am Aufbau und der aktiven Mitgestaltung einer solidarischen Gesellschaft gerade auch im Alter aufzeigen. Die Motivierung und Förderung des nachberuflichen Engagements, die Re-Aktivierung individueller und sozialer Kompetenzen stehen hierbei im Vordergrund. Bürgerengagement in seiner Vielfältigkeit in Selbsthilfe, Freiwilligenarbeit und Ehrenamt bietet ein breites Spektrum von Möglichkeiten der aktiven Teilhabe an der Gesellschaft und der aktiven Mitgestaltung eben dieser Gesellschaft.
Neben dem vorhandenen »Zeit-Potential«, das die ältere Generation der Gesellschaft bieten kann, steht ein »Erfahrungswissen-Potential«, über das in dieser Form nur noch die ältere Generation verfügt. Ebenso bietet sich ein ausgeprägtes »Solidar-Potential«, z.B. in Selbsthilfegruppen, in denen Erfahrungen und Qualifikationen über den Zeitpunkt einer Eigenbetroffenheit hinaus eingebracht werden.
Die von der älteren Generation gestellte Frage nach einem sinnvollen Tätigwerden im Alter muß beim Versuch einer Beantwortung mit Hilfe eines »Selbsthilfe- und Bürgerzentrums« die Vorgaben und Forderungen der älteren Generation beachten.
Da sich der Lebensraum bei älteren Menschen oft schon über lange Jahre hinweg nicht geändert hat, sollten Tätigkeitsfelder in Selbsthilfe und Ehrenamt in erreichbarer Nähe sein.
So kann Bürgerengagement im Alter zur Aufrechterhaltung von Sozialkontakten (Nachbarschaft) und zum Aufbau neuer Sozialkontakte (im jeweiligen Tätigkeitsfeld) führen.
Der Nutzung des erworbenen Wissens der älteren Menschen sollte die Möglichkeit der Aneignung neuer Qualifikationen zur Seite gestellt werden.
Die Tätigkeitsfelder in Selbsthilfe und Ehrenamt sollten Affinitäten zu vertrauten Lebens- und Leistungsschemata aufweisen, um ein Einbringen von Erfahrungs- und Fachwissen zu erleichtern.
Darüber hinaus steht die Aktivierung von Eigeninitiative und verantwortlicher Mitwirkung im Bürgerengagement im Vorgrund, um Abhängigkeiten im Alter zugunsten von Selbstverwaltung aufzubrechen und die Artikulierung der eigenen Belange zu fördern.
Fazit
Abschließend bleibt festzuhalten, daß Bürgerengagement seinen berechtigten Ort in der theoretischen, gesellschaftspolitischen Diskussion über die sich anbahnenden und zum Teil schon vollzogenen Veränderungen der Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen der Menschen finden muß, ohne als Allgemeinplatz für wissenschaftliche Standards dieser Diskussionen gehandelt zu werden.
Das ihm eigene Profil erfährt Bürgerengagement in der Annahme der sich wandelnden Formen von Selbsthilfe und Ehrenamt und in der praktischen Umsetzung – z. B. mit Unterstützung eines »Selbsthilfe- und Bürgerzentrums« –, so daß von hier aus neue, innovative Impulse an die gesellschaftspolitische Diskussion zurückgegeben werden können.
Literatur
KGSt-Bericht: Bürgerengagement – Chance für Kommunen, Bericht-Nr. 6/1999, KGSt Köln, ISBN-3-89804-267-7
Zukunft des Sozialstaates – Freiwilliges soziales Engagement und Selbsthilfe, Hrsg.: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, September 1999, daraus besonders: Freiwilliges soziales Engagement in NRW: Potentiale und Förderungsmöglichkeiten, Forschungsprojekt im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, von Prof. Dr. Rolf G. Heinze, Mathias Bucksteeg M.A., unter Mitarbeit von Andrea Helmer, Ruhr-Universität Bochum.
Kontakt und weitere Informationen
reformwerkstatt-ruhr
Barbara Gierull, Kanalstr. 8, D-44787 Bochum
Jürgen Klute, Zeppelinstr. 7, D-44651 Herne
E-Mail: barbara.gierull( at )reformwerkstatt-ruhr.de
www.reformwerkstatt-ruhr.de
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