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Rundbrief Bürgerbeteiligung II/2000

Bürgerengagement – Versuch einer Standortbestimmung (1/3)

Von Barbara Gierull, Reformwerkstatt-Ruhr

Die zu beobachtenden Veränderungsprozesse innerhalb der Gesellschaft machen es notwendig, die vielen Leistungen, die heute weder durch den Staat noch durch marktwirtschaftliche Unternehmen erbracht werden können, genauer in den Blick zu nehmen. Diese Leistungen finden in ihren vielfältigen Formen von Selbsthilfe, Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Initiativ- und Projektarbeit unter dem Begriff »Bürgerengagement« einen Ort, von dem aus sie einerseits an der theoretischen, gesellschaftspolitischen Diskussion teilnehmen können. Andererseits wird im Bürgerengagement die praktische Seite der Veränderungsprozesse sichtbar.

In einem ersten Teil soll nun aufgezeigt werden, daß Bürgerengagement weit mehr ist als eine Begrifflichkeit, unter die gängige Standards aus der Diskussion über eine Bürger- oder Zivilgesellschaft, über einen neuen Gesellschaftsvertrag, über die Zukunft der Arbeit u.a. zusammengefaßt werden können. »Bürgerengagement« bietet – und fordert – einen eigenen Zugang in diese Diskussion.

In einem zweiten Schritt wird die Bedeutung eines »Selbsthilfe- und Bürgerzentrums« als mögliche Organisationsform für Bürgerengagement, in der ein Rahmen für Diskussion, Weiterentwicklung und praktische Arbeit geboten wird, skizziert.

Und in einem dritten Schritt wird anhand des Beispiels eines nachberuflichen bürgerschaftlichen Engagements dargestellt, daß die Arbeit eines Selbsthilfe- und Bürgerzentrums der Ort für die praktische Umsetzung von Bürgerengagement sein kann.

1. Bürgerengagement – Forderungen an die Kommune und Zukunft für die Kommune
Gewandelte Formen von Ehrenamt und Selbsthilfe

In der aktuellen Diskussion über eine Bündelung und Zusammenfassung vorhandener Anlaufs- und Kontaktstellen für Ehrenamt und Selbsthilfe herrschen oft die Gegenargumente betreffs Profilverflachungen und Kompetenzüberlagerungen vor. Aus dem Blickwinkel eines benötigten Reformprozesses in den Kommunen und einer von den Umständen geforderten Steigerung der Wirtschaftlichkeit im Sozial- und Gesundheitssystem gesehen bietet sich hier jedoch die Chance einer Weiterentwicklung von Bürgerengagement.

Durch eine konzeptionelle Weiterentwicklung unverbunden nebeneinander entstandener und agierender Einrichtungen zur Engagementförderung kann eine breitere Förderung des Bürgerengagements erfolgen. Immer unter Berücksichtigung der gewachsenen Strukturen und regionalen Gegebenheiten wird so der Weg geebnet für eine bedarfs- und zukunftsorientierte Unterstützung und Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements in einer Bündelung seiner vielfältigen Formen in Ehrenamt, Selbsthilfe, Freiwilligen- und Initiativarbeit.

Die Potentiale für einen kommunalen Reformprozeß sind einerseits in dem Wunsch der BürgerInnen nach aktiver Mitgestaltung der Gesellschaft und andererseits in der Möglichkeit, Kosten im Sozial- und Gesundheitsbereich einzusparen, zu finden.

Ist das Ziel des kommunalen Reformprozesses die Schaffung einer bürgerorientierten Kommune sind zukunftsweisende Forderungen an die Kommune gestellt, wie z.B. der Aufbau von Kooperations- und Vernetzungsstrukturen, die Bereitstellung ausreichender und gebündelter Informationen über die vielfältigen Tätigkeitsfelder des Bürgerengagements in Kommune, Wohlfahrt, Kirche, Kultur u.a., die Unterstützung und Beratung in fachlichen Fragen, die Förderung einer Beteiligungskultur für Bürgerengagement, in der Potentiale erschlossen und Motivationen geweckt werden etc.

Bei der Partizipation der BürgerInnen bei einer Umgestaltung der Gesellschaft müssen diese immer als akitve, mitspracheberechtigte Mitgestalter der einzuleitenden Reformprozesse beteiligt werden.

Die gewandelte Motivation der BürgerInnen, sich bürgerschaftlich in Ehrenamt und Selbsthilfe zu engagieren, ist in diesem Prozeß von großer Bedeutung.

Obwohl sich die Grundmotivation für bürgerschaftliches Engagement noch immer im »Helfen und helfenden und unterstützenden Tätigwerden« findet, kommt es zu einer Verknüpfung mit anderen Motivationen. Diese Motivationen, aus denen heraus BürgerInnen heute aktiv werden und sind, finden sich in einer »neuartigen Verbindung von persönlicher Betroffenheit, Selbstverwirklichungsmotiven, sozialem Engagement, der Suche nach Sozialkontakten und Geselligkeit sowie politischen Veränderungswillen« (KGSt 6/1999, S. 25).

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