Rundbrief Bürgerbeteiligung I/2000
Quartiersmanagement – Wundermittel der Stadtentwicklung? (4/4)
7. Interessenmoderation, Konfliktbewältigung und die Notwendigkeit, mit Konflikten leben zu müssen
Ganz sicher ist das Konfliktmanagement zwischen den verschiedenen Interessengruppen eine zentrale Aufgabe innerhalb des Quartiersmanagements. Vom Wesen her sind Beteiligungsprozesse immer auch ein Versuch, auftretende Konflikte unter den Beteiligten »steuerbar« zu machen. Voraussetzung ist, dass die Interessen der Beteiligten überhaupt erst »ans Tageslicht« kommen, benannt und diskussionsfähig gemacht werden. Dieser Prozess verlangt eher kleinere Diskussionrunden als die scheinbar öffentlichkeitswirksameren großdimensionierten Foren, letztere sind auch für die Moderation gegenteiliger Interessen generell eher ungeeignet.
Aber: Selbstverständlich wird sich nicht für alle gegensätzlichen Interessen Konsens finden lassen, eine Fülle von Problemen stellt sich (zunächst) als »unlösbar« heraus. Auch die Initiierung von Beteiligung kann neue Konflikte auslösen. Quartiersmanagement hat hier die Aufgabe, die derzeitige Lösbarkeit oder Nicht-Lösbarkeit von Konflikten zu verdeutlichen und die Ursachen dafür zu benennen. Quartiersmanager, lokale Akteure und auch die Initiatoren/«Sponsoren« von Quartiersmanagement müssen das akzeptieren (lernen).
Diese grundsätzliche Akzeptanz fördert gegenseitiges Verständnis, Vertrauen und die Konsensfindung. Allerdings ist nahezu jeder Kompromiss ein sehr zerbrechlicher.
8. Lokale Ökonomie, die Entwicklung lokaler Wertschöpfungspotenziale als eine entscheidende Grundlage von Stadtquartiersentwicklung
Die ökonomische Dimension nachhaltiger Quartiersentwicklung ist in Deutschland eher noch gering ausgeprägt. Andererseits erscheint eine nachhaltige Stadtquartiersentwicklung ohne die Entwicklung lokaler Wertschöpfungspotenziale, die tendenziell mit den Wirtschaftskreisläufen der Region verbunden werden, vernünftig nur sehr schwer vorstellbar.
Kommunalpolitisch und für die Strategie von Quartiersmanagement bedeutet das u.a.:
- kleinräumige Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung vorrangig im gewachsenen Quartier und nicht in abgelegenen Gewerbegebieten (Trennung von Wohnen und Arbeiten gegensteuern);
- die Förderung von Unternehmenskooperationen und bereits vorhandener Betriebe;
- eine stärkere Einbindung der Banken, deren aktuelle Vergabepraxis weniger an den Bedürfnissen von Kleinstunternehmen(sgründungen) orientiert zu sein scheint;
- den gezielten Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente für die wirtschaftliche Revitalisierung von Quartieren mit besonderem Entwicklungsbedarf (statt allgemeiner Qualifizierung oder dem »Kehren von Wald«: Vorbereitung auf eine an lokaler Ökonomie orientierten Selbständigkeit oder Erwerbsarbeit)
- Öffnung der Bestandsentwicklung für solche Investoren, die sich langfristig orientieren und an einer nachhaltigen Stadtteilentwicklung interessiert sind.
Generell scheint ein gewachsenes Milieu eher eine große Vielfalt von örtlichen oder regionalen Beziehungen einzuschließen. Eine größere Vielfalt dieser Beziehungen (Vernetzung) birgt Entwicklungpotenzen für lokale Wertschöpfungspotenziale.
Dem einzelnen Unternehmen bietet sich hier eine Chance. Eine Förderung lokaler Vernetzungen ist eine Form der bewussten Gestaltung des ökonomischen Strukturwandels und kann dem Abwertungsprozess eines Stadtquartiers entgegenwirken. Und umgekehrt: Erwerbsarbeit im Wohnquartier bedeutet Einkommen, und Einkommen ist potenzielle Kaufkraft – auch für Güter der (Klein)Unternehmen des Quartiers.
Weitere Artikel in diesem Rundbrief:
Schwerpunkt Soziale Stadt
- Dr. Roland Bieber et al.
Quartiersmanagement – Wundermittel der Stadtentwicklung? - Ralf Elsässer
10 Thesen für ein erfolgreiches Quartiersmanagement - Birgit Schmidt
Ansätze für Quartiersmanagement in Sachsen-Anhalt - Dr. Helga Gantz
Stadtteilmarketing Gorbitz - Cornelia Cremer
Integriertes Stadtteilmanagement Plattform Marzahn - Herbert Brand
Anwohner-Selbsthilfe in der Quartiersentwicklung - Projektgruppe Difu
Das Bund-Länder-Programm »Die Soziale Stadt« - Andreas Strunk
Eine soziale Innovation: Quartiersmanagement bei Wohnungsprivatisierung
![]()
Blick über die Grenzen
![]()
Projektberichte
- Barbara Kopf/Andreas Libera
»Aktiv in Kirchdorf-Süd« – PRA in der Praxis - Michael Stiefel
Bürgerforum Boxhagener Platz erprobt Open-Space-Verfahren - Hans-Georg Rennert
Zwischen Kiez und City – Ein Bündnis für mehr Beteiligung - Martin Rüttgers
Gutachten erkundet »Bürgerbeteiligung in Köln« - Heidi Sinning/Gundis Bader
Bürgergutachten »Bürgeramt Hannover Süd-Ost« - Aulaprojekt in Lippstadt
Dann bauen wir sie selbst - Petition für einen »Demokratiepfennig«


Meine
Seite ausdrucken
Seite weiterempfehlen